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Der blinde Fleck der Vernunft
Vor mir liegt ein kleiner Schlüsselbund. Drei gewöhnliche Schlüssel, wie sie Millionen Menschen jeden Tag benutzen, ohne ihnen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Erst wenn sie fehlen, merken wir, welchen Wert sie hatten. Vielleicht verhält es sich mit vielen Dingen in unserem Leben genauso.

Vernünftige Menschen planen. Sie schließen Versicherungen ab, sparen für schlechte Zeiten, kümmern sich um ihre Altersvorsorge und versuchen, Risiken zu minimieren. Das erscheint logisch. Schließlich gibt Planung Sicherheit.
Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr frage ich mich, ob Vernunft vielleicht einen blinden Fleck besitzt.
Wir bereiten uns auf das vor, was wir kennen.
Aber das Leben hält sich nur selten an unsere Vorstellungen.
Niemand plant, den Haustürschlüssel zu verlieren. Niemand rechnet damit, dass ein Feuer das eigene Zuhause zerstört oder dass ein Cyberangriff jahrelange Arbeit unzugänglich macht. Wer sich mit Kryptowährungen beschäftigt, weiß, dass ein verlorener privater Schlüssel ein Vermögen für immer verschwinden lassen kann.
Andere Veränderungen sind noch persönlicher. Ein Unfall verändert die Beweglichkeit. Eine Krankheit nimmt die Kraft. Die Konzentration lässt nach. Eine Beziehung zerbricht. Ein geliebter Mensch stirbt. Ein Beruf verschwindet, weil Technik oder künstliche Intelligenz ihn verändert.
Plötzlich stehen wir vor einer Situation, die gestern noch unvorstellbar war. Vielleicht liegt genau hier der blinde Fleck der Vernunft. Wir investieren viel Energie in die Frage, wie wir Risiken vermeiden können. Dabei vergessen wir manchmal eine andere, vielleicht wichtigere Frage:
Wie gut können wir mit Veränderungen umgehen, wenn sie trotzdem eintreten?
Kein Mensch kann sich auf alles vorbereiten. Aber jeder kann lernen, beweglich zu bleiben. Hilfe anzunehmen, wenn sie nötig wird. Neues zu lernen, wenn Altes nicht mehr funktioniert. Gewohnheiten zu hinterfragen. Technik nicht grundsätzlich abzulehnen, aber auch nicht blind zu vertrauen.
Vielleicht besteht Vernunft deshalb nicht darin, jede mögliche Gefahr vorherzusehen. Vielleicht besteht sie vielmehr darin, zu akzeptieren, dass Kontrolle ihre Grenzen hat. Wir können vieles absichern. Unser Haus. Unser Auto. Unser Konto. Doch wir können weder das Leben noch die Zukunft vollständig versichern.
Am Ende bleibt uns etwas anderes. Unsere Fähigkeit, uns anzupassen. Unsere Bereitschaft, Hilfe anzunehmen. Und die Erkenntnis, dass das Wertvollste oft genau das ist, was wir für selbstverständlich halten – bis es nicht mehr selbstverständlich ist.
Deshalb frage ich mich manchmal, ob Vernunft nicht weniger mit Planung zu tun hat, als mit einer inneren Haltung. Mit der Bereitschaft, anzuerkennen, dass das Leben jederzeit eine andere Richtung einschlagen kann. Nicht aus Angst. Sondern mit Respekt vor seiner Unvorhersehbarkeit.
Vielleicht besteht Vernunft manchmal einfach darin, sich bewusst zu machen, dass Selbstverständlichkeiten keine Selbstverständlichkeit sind.
Replies (15)
Wichtiger Punkt!
Ist auch eine semantische Frage. Vernunft ist Vernunft, wie Du sie gut beschrieben hast, aber ich würde es eher anders nennen (Intelligenz/geistige Flexibilität), was mehr ist als die reine Vernunft und auch das Reagieren auf die unplanbaren Dinge einschließt.
Danke für deinen interessanten Gedanken. Ich glaube tatsächlich, dass Vernunft und geistige Flexibilität eng miteinander verbunden sind. Für mich endet Vernunft nicht beim rationalen Erkennen einer Situation. Sie zeigt sich erst dann wirklich, wenn wir bereit sind, die Konsequenzen anzunehmen und unser Handeln entsprechend anzupassen. Vielleicht unterscheiden wir uns hier weniger in der Sache als in der Definition des Begriffs.
Ein kleines Beispiel: Jemand verliert durch eine Krankheit seine Mobilität. Er könnte sagen: „Ich brauche keinen Rollator. Ich schaffe das allein.“ Oder er sagt: „Ich akzeptiere meine neue Situation und nutze den Rollator.“ Ist das Intelligenz? Für mich ist es vor allem Vernunft - die Fähigkeit, die Realität anzuerkennen, auch wenn sie nicht den eigenen Wünschen entspricht. Vielleicht beginnt Vernunft dort, wo wir aufhören, gegen das Unveränderliche anzukämpfen, und anfangen, das Beste aus der neuen Situation zu machen.
adapt and overcome.
at first glance, i thought the pic was this one.. i plan to get this.. maybe..
Haha... I wish fixing people was as easy as fixing things.
😜🤣
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In den Vorstand der »Allianz« wirst du mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht berufen.😉
Vernunft hat nach meinem Empfinden sehr viel mit Gelassenheit zu tun. Die Intelligenz, die sich ohnehin einer pauschalen Definition verweigert, spielt da eher eine Nebenrolle. Entscheidungen dann, wenn sie zu treffen sind, mit dem Garantiestempel in die Wege zu leiten, der an der Eigenverantwortung keinen Zweifel lässt. Keine eingebauten Fluchtwege, wie: „Aber der hat mir doch gesagt (geraten) …“ In solchen Augenblicken (ganz in der Hoffnung, es wird schon werden) der Ignoranz, in Form des blinden Flecks, Freilauf zu gewähren, das könnte beinahe ein Beweis von menschlicher Dummheit sein. Das Problem mit dem blinden Fleck offenbart sich meist dann, wenn das bewusst Ausgeblendete sich langsam aber sicher im Hinterkopf zu einem nicht mehr zu übersehenden kontrastreichen Bild entwickelt. Dann steht vornehmlich Oskar Panik mit all seinen von der Hektik geprägten Entscheidungen parat. Ganz im Vertrauen: Herr Panik ist ein vielbeschäftigter Mann!
😂 Da muss ich wohl noch etwas an meiner Karriereplanung arbeiten.
Der Gedanke gefällt mir sehr. Vielleicht ist sie tatsächlich eine Form gelebter Vernunft. Wir können nicht alles kontrollieren, aber wir können lernen, mit dem Unkontrollierbaren umzugehen.
Diesen Gedanken finde ich ebenfalls spannend. Ich frage mich allerdings, ob dahinter immer Dummheit steckt. Vielleicht ist es oft einfach menschlich. Wahrscheinlich braucht jeder von uns den einen oder anderen blinden Fleck, um überhaupt unbeschwert leben zu können. Kritisch wird es wohl erst dann, wenn wir offensichtliche Warnzeichen dauerhaft ignorieren -- und plötzlich, wie du so schön schreibst, Herr Panik das Kommando übernimmt.
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Ganz bewusst wählte ich diese zusammenhängende Definition einer manchmal nicht leicht nachzuvollziehenden Handlung. Dem Menschen scheint es allerdings sehr schwerzufallen, aus begangenen Dummheiten die entsprechenden Lehren für die nahende Zukunft zu ziehen. Ganz im Gegensatz zu meinen Tieren (vom Schaf bis zur Katze), die jede vergeigte Situation exakt analysieren, und blitzschnell alle Verhaltenshebel so stellen, dass dem Zugang zum Lieblingsfutter oder den Streichleinheiten nichts mehr im Wege steht. Wir neigen hingegen dazu, als notorische Wiederholungstäter in Erscheinung zu treten. Die naive Dummheit und das, was wir als Vernunft bezeichnen, sind sehr wohl in der Lage, über Jahre hinweg eine harmonische Beziehung zu führen. Man muss sich am Abend lediglich noch einmal ganz fest umarmen und als Fazit des Tages resümieren, alles nach bestem Wissen erledigt zu haben.
Ich liebe solche Partnerschaften, da sie der Urquell der eigentlichen Überraschungen in unserm Leben sind.
Jetzt verstehe ich besser, wie du "Dummheit" gemeint hast. Nicht als fehlende Intelligenz, sondern als unsere erstaunliche Fähigkeit, dieselben Fehler immer wieder zu machen, obwohl wir es eigentlich besser wissen müssten. Das gefällt mir.
Besonders dein Bild von der "harmonischen Beziehung" zwischen Vernunft und Dummheit hat etwas. Vielleicht liegt genau darin das Menschliche: Vernunft zeigt uns den Weg, aber Dummheit sorgt dafür, dass wir gelegentlich trotzdem einen Umweg nehmen. Und manchmal entstehen auf genau diesen Umwegen die Erfahrungen, aus denen wir später tatsächlich lernen.
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Und schon sind wir bei dem Nagel mit Kopf, dem die gewaltsame Versenkung bevorsteht. Denn besser hätte ich es auch nicht beschreiben können! Beste Grüße 🔨
Vernunft zu haben ist gut, um das Zukunftsrisiko zu mindern. Richtig, aber dabei sollte man die Grenzen der eigenen Vernunft noch kennen und mit Unsicherheit nicht nur rechnerisch, sondern auch menschlich umgehen.
Wenn man jedoch zu viel Kontrolle ausübt – wie soll man das Leben dann noch genießen können?
Ich sehe Vernunft nicht als den Versuch, das Leben vollständig zu kontrollieren. Für mich bedeutet sie vielmehr, die Grenzen der eigenen Kontrolle zu erkennen und trotzdem bewusst zu handeln. Gerade diese Akzeptanz schafft Gelassenheit - und lässt Raum, das Leben zu genießen.
Für mich hat sich aus der Diskussion unter diesem Post mit @w74 ein Gedanke besonders herauskristallisiert: Vernunft ist nicht die Illusion von Kontrolle, sondern der gelassene Umgang mit dem Unkontrollierbaren.